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Wertschätzung für die Sauerkirsche...

June 15, 2017

Je mehr ich mich in die Natur begebe, je mehr ich versuche zu begreifen, wie die Pflanzen untereinander und auch mit uns Menschen kommunizieren, desto mehr erfahre ich Erstaunliches über mich. Vor ungefähr 16 Jahren wuchs in meinem Garten, wild, ein kleines Kirschbäumchen. Zunächst freute ich mich darüber, denn ich liebe Süßkirschen und bin auch mit einem Kirschbaum groß geworden. Als kleiner Junge kletterten meine Freunde und ich immer in die Kirschbäume und pflückten die leckeren Süßkirschen.

 

Recht früh trug das Bäumchen die ersten Früchte und ich merkte, dass es Sauerkirschen waren. Sie schmeckten eben sauer und entsprachen überhaupt nicht meiner Erwartung. Von diesem Moment an, ignorierte ich das Bäumchen, das sich dadurch aber nicht beirren ließ. Es wuchs munter weiter und ist mittlerweile ein ca. 10m hoher Baum geworden. Über die Jahre hinweg wollte ich den Baum immer wieder absägen und durch eine Süßkirsche ersetzen, habe es aber nie gemacht. Immer mal wieder probierte ich die sauren Früchte und konnte mich dafür einfach nicht erwärmen. So aßen sie meistens die Vögel oder sie dienten  meinem Rasen als Dünger. Über die Jahre hinweg wurden die Früchte kleiner und dunkler - sie schmeckten auch viel süßer. Ich begann Geschmack an den kleinen Früchten zu finden und aß immer mehr davon. Letztes Jahr war ich zur Zeit der Kirschreife auf dem Jakobsweg. Als ich zurückkam, war der Baum vollständig von den Vögeln ausgeplündert. Das machte mich ein wenig traurig, hätte ich doch gerne noch wenigstens ein paar davon gegessen. 

In diesem Jahr trägt der Baum so viele leckere "rabenschwarze" und "süße" Früchte, dass ich den Unterschied zu einer Süßkirsche fast nicht mehr schmecken kann. Da erreichte mich folgender Gedanke: "Was, wenn das Bäumchen diese Verwandlung nur mir zu Liebe getan hat? Was, wenn das Bäumchen all die Jahre versucht hat, mir zu gefallen? Wie viel Hoffnung hatte das Bäumchen, dass meine Liebe es endlich erreicht?" Es wurde darüber zu einem großen Baum und einmal sägte ich sogar einen seiner Äste ab, um den Garten etwas aufzulockern. Als mir das bewusst wurde, wurde mir plötzlich klar, wie sehr ich in "meiner" Welt gelebt habe, wie wenig ich die vielen Geschenke um mich herum wirklich wahrnehme. Dabei war ich der festen Meinung es bereits zu tun...Traurigkeit und Liebe überkamen mich, Tränen der Freude und Reue. So viele Erlebnisse, wo andere Menschen, Tiere und Pflanzen so lange warten mussten, um meine Wertschätzung zu erhalten. Ich spürte und spüre immer mehr die Demut, die dadurch in mir entsteht. Demut und Dankbarkeit für diese wundervolle Erfahrung. Wenn ich heute diese Kirschen esse, dann spüre ich die ganze Liebe, die der Kirschbaum da hinein gepackt hat. 

 

 

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